
Über Hikmete
Ich sehe was dich ausgelaugt hat, weil ich selbst dort war
„Das sieht scheisse aus“
Freitagmorgen, kurz vor 11 Uhr. Ich wusste, dass meine Chefin gleich kommen würde. Sie hat sich angemeldet. Und seit ihrer Nachricht schwitzte ich. Mein Körper zitterte leicht. Klare Gedanken konnte ich keinen mehr fassen.
Ich wusste: Wenn sie kommt, geht es nur um Kritik.
Der Laden war offen, aber leer. Keine Kundinnen, keine Kolleginnen. Sie kam herein und sah sich um.
„Das sieht scheisse aus.“ Der Oberchef sei am Wochenende vorbeigelaufen und habe das gesagt.
Sie schaute mich an mit diesem scharfen Blick. Den Blick, der sagt: Du hast es nicht im Griff.
Dass ich Personalmangel hatte. Dass ich 6 Tage die Woche arbeite. Dass mir die Zeit fehlte, um mich um die Optik zu kümmern. Das interessierte sie nicht.
Am Abend stand ich im Eingang unserer Wohnung. Ich hatte den Brief der Lehrerin noch in der Hand. Mir kam nicht einmal der Gedanke, mich hinzusetzen.
Die Noten meiner Kinder haben sich verschlechtert. Ich hatte ein Elterngespräch verpasst. Einen Kinderarzttermin auch.
Eine Wut kam in mir hoch wie ein Vulkan. Mein Körper wurde hart wie Metall. Und mit der Wut kam die Frage: Was mache ich falsch? Tränen kamen. Ich hielt sie zurück.
Am Wochenende setzte ich mich in unser Wohnzimmer und schrieb die Kündigung. Mit der Hand. Am nächsten Morgen ging ich zur Post und schickte sie per Einschreiben.
Es war eine Erleichterung. Und zugleich kam das Gefühl von Versagen. Mein Körper wurde schwer. In der Brust wuchs eine Enge, bis es weh tat.
Was dann kam, dauerte zwei Monate. Morgens machte ich die Kinder schulfertig. Ich kochte, räumte auf, ging einkaufen. Alles lief weiter, aber ich war nicht wirklich dabei.
Am Nachmittag lag ich auf dem Sofa. Netflix. Stunden ohne Inhalt. Ich wusste nicht, wie man sich erholt. Ich kannte nur Funktionieren oder Zusammenbrechen.
Abends bereitete ich das Abendessen vor. Wenn meine Familie nach Hause kam, merkte niemand, wie es mir innerlich ging.
Anrufe, die zur Arbeit etwas wissen wollten, habe ich nicht beantwortet. Nachrichten ignoriert. Zwei Monate ohne Antworten. Zwei Monate ohne Worte. Zwei Monate, in denen ich vor mir selbst verschwand.
An einem Morgen wollte ich aus dem Bett steigen. Es fühlte sich angenehmer an, sodass ich mich mehr wahrnehmen konnte. Aber gleichzeitig kam ein Gedanke, der nicht mehr verschwand: Das will ich nie mehr erleben.
An diesem Tag stand ich wieder im Laden, so wie an jedem anderen Tag. Aber beim Einräumen der Lebensmittel kam ich an einer Theke ins Gespräch mit einer Frau. Sie erzählte mir, ohne dass ich fragte, dass sie zu einer Frau geht, die energetisch an ihr arbeitet.
Etwas in mir öffnete sich. Zum ersten Mal seit Wochen war ich wirklich da, statt nur durchzulaufen. Meine Neugier war geweckt.
Es fing mit einem Retreat an. Danach kamen Sitzungen, eine Begleitung über mehrere Monate. Langsam kam meine Energie zurück.
Mein Körper wurde noch müde, wenn ich lange auf den Beinen war, aber nach einem kurzen Mittagsschlaf war ich wieder fit, nicht mehr tagelang erschöpft. Ich erzählte offen, was ich erlebt hatte, ohne mich zu schämen.
Und als das erste Mal wieder Kritik kam, von einer Kollegin, die etwas an meiner Arbeit auszusetzen hatte – merkte ich, wie ruhig mein Körper blieb. Kein Zittern. Keine Klarheit, die mir wegrutschte. Ich konnte zuhören, ohne dass es mich aus der Bahn warf.
Mein Gefühl zur Arbeit normalisierte sich. Und etwas Neues begann: ich spürte plötzlich, was andere Menschen fühlten.
Eine Frage blieb noch: Wer bin ich?
Ich kann heute das sehen, das du vielleicht nie wahrgenommen hast. Was deine Vorfahren erlebt haben. Oder was deine Seele dir mitteilen möchte. Ich sehe den Ursprung deiner jetzigen Situation. Und begleite dich auf deinem Weg zurück zu dir.
